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Allgemeinmedizin

Gesundheitsrisiko

Versorgung bei Long- und Post-COVID

Ines Schulz-Hanke

4.4.2025

Post-COVID betrifft vor allem Menschen, die in den ersten beiden Infektionswellen erkrankt sind. Unter späteren Virusvarianten sank das Risiko – ebenso mit der Impfung. Doch manche der Erkrankten belastet das chronische Fatigue-Syndrom schwer. Diagnose und Therapie stellen weiterhin Herausforderungen dar.

Symptome, die über 12 Wochen nach einer akuten SARS-CoV-2-Infektion anhalten oder in diesem Zeitraum neu auftreten, gälten als Post-COVID-Beschwerden. Long-COVID beginne 4 Wochen nach der akuten Infektion. Post-COVID sei eine Teilmenge von Long-COVID und habe eine geringere Inzidenz, da die Beschwerden oft 4 –12 Wochen nach einer Infektion zurückgingen, erklärte Prof. Dr. med. Andreas Stallmach (Jena).

Wahrscheinlichkeit für Post-COVID gesunken

Eine Untersuchung in Jena zur Häufigkeit von Post-COVID habe gezeigt, dass maximal 5 % der in der ersten und zweiten Welle Erkrankten langfristig Symptome hatten und darunter litten. Eine US-ameri­kanische Studie von 2024 zeige außerdem, dass das Risiko eines Post-COVID-Syndroms in den ersten Wellen deutlich höher war als nach Infektionen durch Omikron und spätere Varianten. Die Häufigkeit sei auch bei vakzinierten Menschen niedriger. Das aktuelle Risiko liege hierzulande bei maximal 1 %.

Was kann die Diagnostik leisten?

Die mittlerweile mehr als 200 beschriebenen Symp­tome konzentrierten sich auf 10 verschiedene Organsysteme. Zu den Kardinalsymptomen gehörten Fatigue, Konzentrations- und Gedächtnisstörung, Luftnot bei Belastung und depressive Verstimmung.

Derzeit gebe es weder einzelne noch eine Kombination von Laborparametern oder eine technische Untersuchung, die ein Post-COVID-Syndrom bewiesen oder ausschlössen. Mit klassischen Diagnosestrategien sei die Schwere des Krankheitsbildes objektiv nicht zu erfassen. Zwar führten sie zum Teil zu pathologischen Befunden und schlössen andere Erkrankungen aus, seien aber nur selten therapeutisch relevant. Stallmach plädierte dafür, Menschen mit ausgeprägtem Post-COVID-Syndrom interdisziplinär zu therapieren, am besten in einem Post-COVID-Zentrum.

„Harmloser“ Beginn und dann ME / CFS

Etwa 20 % der wegen Post-COVID Behandelten entwickelten ein chronisches Fatigue-Syndrom (ME / CFS). Rund 76 % der Betroffenen mit schwerer Post-COVID-Symptomatik hätten eine eher leichte SARS-CoV-2-Infektion durchgemacht, schilderte Stallmach. ME / CFS sei ein eigenständiges, komplexes Krankheitsbild, bei dem 24 – 48 Stunden nach (leichter) körperlicher und geistiger Belastung eine postexertionelle Malaise (PEM) einsetze. Sie gehe mit Muskel- und Gelenkschmerzen, grippeähnlichen Symptomen, Brain Fog und orthostatischer Intoleranz einher. Schwer Betroffene könnten das Bett zum Teil für Wochen oder Monate nicht verlassen.

Neue Ansätze, um zu verstehen

Zu den pathophysiologischen Faktoren einer ME / CFS zählten u. a. Viruspersistenz, postakute Hyperinflammation und Autoimmunität. Vermutlich treffe jede auf eine Post-COVID-Subgruppe zu. Diese Diversität führe wohl dazu, dass kausale Therapieansätze in Studien nicht erkannt würden, da sie nur für einen Teil der Untersuchten wirken könnten, so Stallmach.

Wie sich habe zeigen lassen, trügen Post-COVID-Erkrankte andere epigenetische Signaturen als Menschen ohne SARS-CoV-2-Infektion oder jene mit SARS-CoV-2-Infektion, aber ohne Post-COVID. Anderen Studien zufolge treibe das Protein TREM2 bei Menschen mit neurokognitiven Störungen die Immunzellen des Gehirns, die Mikroglia, an. Bei Menschen mit Alzheimer und hohem TREM2-Spiegel schreite die Erkrankung langsamer fort. Bei Menschen mit Post-COVID hätten in eigenen Untersuchungen sehr niedrige TREM2-Spiegel mit deutlich höheren 1-Jahres-Heilungsraten korreliert. Derartige Erkenntnisse trügen dazu bei, die Pathophysiologie zu verstehen, eigneten sich jedoch nicht, um in der Praxis eine ­Diagnose zu stellen oder auszuschließen.

Therapeutische Optionen

Aktuell gebe es keinen medikamentösen Ansatz für die Behandlung von Long-COVID-Betroffenen. Möglich seien jedoch symptomorientierte medikamentöse Therapien. Sie seien auf der Long-COVID-Arzneimittelliste des Bundesministeriums für Gesund­heit aufgeführt. Darüber hinaus könne man sich bei sehr schweren ME / CFS-Verläufen digital mit der Deutschen Gesellschaft für ME / CFS austauschen.

Psychosomatische Medizin / Psychotherapie

Eine psychosomatische Erkrankung bei Menschen mit Post- oder Long-COVID ergebe sich aus der verlängerten Erkrankung, aber auch aus Residualsymp­tomen der Akutphase und Belastungen durch eine intensive Therapie, erklärte Prof. Dr. med. Florian Junne (Magdeburg). Man müsse sich zudem davon lösen, dass es eine Dichotomie zwischen somatischen und psychischen Erkrankungen gebe. Denn proinflammatorische Marker verknüpften auch bei primär depressiven Erkrankungen neurologische und immunologische Aspekte. Long-COVID sei ein neuroimmunologisches Krankheitsbild mit erheblichem Leidensdruck und deutlichen Einschränkungen.

PsyLoCo-Manual und -Studie

Für die PsyLoCo-Studie habe man in Zusammenarbeit mit mehreren Zentren eine 12-stündige Kurzzeittherapie für Menschen mit reaktiven, psychischen Symptomen und psychosozialen Bedarfen entwickelt. Und basierend auf einer systematischen Literaturübersicht und im partizipativen Prozess mit Betroffenen habe man dazu ein Manual mit 4 Therapiemodulen erstellt, berichtete Junne.

  • Das erste Modul beschäftige sich mit Coping und Distress-Management: Identifikation von Stressoren, Psychoedukation und Ressourcenarbeit.
  • Im zweiten gehe es um Körperbeschwerden und Schmerzen, um ihre Assoziation zu Emotionen sowie um Bewertungs- und Aufmerksamkeitsprozesse.
  • Im dritten Modul stünden chronische Erschöpfung und affektive Symptome im Mittelpunkt, mit Werte­arbeit, Verhaltensaktivierung und Umgang mit ­negativen Kognitionen.
  • Das vierte widme sich dem Sozial- und Arbeitsleben. Hier spielten Selbstwirksamkeitsarbeit, Interaktionsanalyse und Rückfallprophylaxe eine Rolle.

Die Pilotstudie wurde als randomisierte kontrollierte Interventionsstudie mit einer Wartekontrolle und 123 Teilnehmenden durchgeführt. Eingeschlossen waren Erwachsene mit nachgewiesener überstandener Infektion und mindestens einem Long-COVID-Symptom. Hinsichtlich der psychischen Lebensqualität habe sich ein Trend zur Besserung abgezeichnet, ebenso für den subjektiven Leidensdruck durch ­Körpersymptome und für das Stresserleben.

Die untersuchte Art der kurzzeitigen psychosozialen Hilfe bei Long-COVID könne sinnvoll und hilfreich sein. Man solle Betroffene dazu ermuntern, „wenn eine psychische Belastung besteht“ und nicht erst, „wenn alle anderen Disziplinen sozusagen keine Antworten oder Unterstützungsangebote machen konnten“.

Webinar „ME / CFS: Erfahrungen aus dem Post-COVID-Zentrum“ und „Long-COVID: Psychosoziale Aspekte und Perspektive der psychosomatischen Medizin und Psychotherapie“ (Veranstalter: KV Sachsen-Anhalt), Dezember 2024

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