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Allgemeinmedizin

Das Virus ist in Deutschland angekommen

West-Nil-Fieber

Martina Freyer

4.4.2025

Die gemeinsame Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI) und des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung (DZIF) zeigt, dass bislang eher unbekannte Erreger in der Allgemeinarztpraxis auftauchen können. Lassen Sie sich bei der Diagnostik von Spezialisten unterstützen.

Das West-Nil-Virus (WNV) galt lange als Reiseerkrankung. In Deutschland wurde erstmals 2018 eine Zirkulation von WNV bei Vögeln und Pferden dokumentiert und seit 2019 werden durch Mücken übertragene Erkrankungsfälle beim Menschen registriert.

Bei etwa 80 % der Infizierten treten keine Symptome auf, bei 20 % seien Fieber, Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen oder Hautausschläge unspezifische Symptome, erläuterte Dr. med. Victor ­Corman vom Institut für Virologie, Charité Berlin. Da schwere, neuroinvasive Verläufe vor allem immunsupprimierte Personen und Ältere betreffen, ist eine erhöhte Aufmerksamkeit in diesen Risikogruppen geboten.

Wie diagnostizieren?

In der Diagnostik ist ein PCR-Nachweis aus Serum und Liquor möglich, Antikörper im Serum treten erst später auf (Abb.). Hier empfahl Corman bei symptomatischen Patienten und Patientinnen in der 1. Woche einen PCR-, ab der 2. Woche einen Antikörpertest: „Die negative PCR schließt eine Erkrankung nicht aus.“ Anhand eines Fallbeispiels beschrieb er, dass der positive PCR-Nachweis auch retro­spektiv an einer Liquorprobe erfolgen könne.

Keine verfügbare Impfung

Für schwer Erkrankte mit neuroinvasivem Verlauf gebe es keine spezifischen Therapieoptionen, betonte Corman, auch nicht in den USA: „Es gibt kein klares Therapieregime!“ Kurios: Für den Menschen stünde bislang kein Impfstoff zur Verfügung, in Deutschland wären jedoch in der Veterinärmedizin Impfstoffe für Pferde gegen WNV verhältlich.

Auch bei Reisenden sollte man WNV-Infektionen aus Süd- und Osteuropa vor allem in den Sommer- und Herbstmonaten differenzialdiagnostisch in Betracht ziehen – insbesondere bei Patientinnen und Patienten mit unklaren febrilen Erkrankungen, Meningitis oder Enzephalitis unklarer Genese. Ein Screening von Blut- und Liquorproben an der Charité zeigte auch eine hohe Dunkelziffer unentdeckter Fälle, meinte Corman: „Das West-Nil-Virus ist endemisch und wird bleiben.“ Wichtig zu wissen für Hausärzte und Hausärztinnen: Es besteht eine Meldepflicht für den direkten oder indirekten Erregernachweis (Arbovirus-Erkrankungen).

Wildvogel-Monitoring als Frühwarnsystem

Das West-Nil-Virus ist ein zoonotisches Arbovirus: Die Viren zirkulieren zwischen Wildvögeln als ­Reservoirwirten und Stechmücken als Vektoren. Infizierte Mücken, hauptsächlich Culex pipiens, übertragen das Virus durch Blutmahlzeiten auf Vögel, die eine hohe Viruslast entwickeln. Diese Mücken sind in Deutschland endemisch, neu ist hierzulande nur das Virus. Wenn infizierte Vögel von weiteren Mücken gestochen werden, infizieren diese sich bei der Blutmahlzeit.

Säugetiere wie Pferde oder auch Menschen gelten als Fehlwirte und sind für den Lebenszyklus der Viren eine Sackgasse, weil sie das Virus nicht weiterverbreiten. Die Übertragung erfolgt saisonal vor allem in den Monaten Juni bis November. Bei wärmeren Temperaturen gibt es nicht nur mehr Mücken, die Viren können sich auch etwa doppelt so schnell in den Mücken entwickeln, ein Generationszyklus kann dann statt 3 Wochen nur 12–14 Tage dauern.

Die Überwachung von Wildvögeln bietet ein wichtiges Frühwarnsignal: Im Wild Bird-Associated Zoonoses Network (WBA-Zoo) werden jährlich über 1 000 Blutproben von lebenden Wildvögeln (z. B. kranke oder verletzte Tiere aus Wildtierauffangstationen oder veterinärmedizinischen Einrichtungen) sowie Organproben von mehr als 1 500 verendeten Vögeln untersucht. Dieses vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung geförderte Monitoring bietet eine breite Datenbasis zur Ausbreitung der Viren. Und so konnte 2022 eine verstärkte Zirkulation von WNV und dem nahen Verwandten Usutu-Virus (USUV) nachgewiesen werden.

In Berlin gilt WNV inzwischen als endemisch, mit genetischen Analysen wurde die Übertragung innerhalb des Stadtgebiets belegt. Serologische Untersuchungen von Vogelblutproben aus den Jahren 2021 bis 2023 bestätigen zudem eine Zirkulation des Virus auch in Teilen Zentral-West- und Süddeutschlands, wo bisher weder beim Menschen noch bei Tieren akute WNV-Fälle registriert wurden. Aktuelle Karten zum WNV-Nachweis bei Tieren findet man beim Friedrich-Loeffler-Institut unter www.fli.de/aktuelles/tierseuchengeschehen/west-nil-virus/.

Vortrag „West-Nil-Virus-Infektionen in Deutschland” anlässlich der gemeinsamen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI) und des Zentrums für Infektionsforschung (DZIF), München, Februar 2025

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