Die Patienten und ihre Schicksale, mit denen Fortschritte der Medizin erarbeitet werden, bleiben oft unerwähnt. Nicht so bei David Bennett, einem 57-jähriger Patienten mit fortgeschrittener Herzinsuffizienz mit Herzrhythmusstörungen, der wegen fehlender Adhärenz als ungeeignet für eine Allotransplantation eingeschätzt und dem als erster Mensch überhaupt Anfang Januar 2022 mit Genehmigung der FDA ein genetisch modifiziertes Schweineherz transplantiert wurde.
Der Patient überlebte den Eingriff für zwei Monate, nachdem das transplantierte Herz mehrere Wochen lang ohne Abstoßung gut funktioniert hatte, der Patient allmählich wieder zu Kräften gekommen war und bereits mit Physiotherapie begonnen hatte. Prof. Dr. Muhammad M. Mohiuddin, Professor für Chirurgie und wissenschaftlicher Direktor des Programms für kardiale Xenotransplantation an der University of Maryland School of Medicine (UMSOM) stellte in einer Pressemitteilung der Universität fest: „Wir sind dem Patienten dankbar für seinen einzigartigen und historischen Beitrag, das Wissensspektrum in der Xenotransplantation zu verbreitern, denn wir haben unschätzbare Erkenntnisse gewonnen, bei denen wir lernten, dass das genetisch veränderte Schweineherz im menschlichen Körper gut funktionieren kann, während das Immunsystem angemessen unterdrückt wird.“
In den Erfolgsmeldungen der Universität bleibt der kriminelle Hintergrund des Patienten unerwähnt, der ein Opfer durch eine schwere Körperverletzung so heftig verletzte, dass es lebenslang gelähmt blieb. Der Medienhype zu Bennett in den angloamerikanischen Medien erinnert an einen ähnlich gelagerten internationalen Medienhype um die erste erfolgreiche Herztransplantation 1967 bei Louis Washkansky durch ein südafrikanisches OP-Team um Christiaan Barnard (der Patient überlebte die OP nur um 18 Tage).
Medizinpublizistisch ohne Fehl und Tadel hat sich hingegen der „zufällige“ Vater der US-Gastroenterologie und -physiologie, William Beaumont (1785‒1853), bei seinem Patienten Alexis St. Martin mit traumatisch bedingter Gastrokutanfistel verhalten. St. Martin wurde von ihm rund 30 Jahre reichlich für die vielfältigen Untersuchungen bezahlt, die Beaumont mit ihm anstellte ‒ niemand hatte jemals zuvor die Verdauungsvorgänge im Magen, beim Essen, bei dem „Wirken seelischer Einflüsse“ so direkt beobachten können, wie bei der lebenslang geöffneten Fistel von St. Martin. Beide haben Eingang in die Fachliteratur bis heute gefunden und sind ein inspirierendes Beispiel geblieben, wie eine wissenschaftliche Arbeitsbeziehung zwischen Ärzten/Wissenschaftlern und Patienten/Untersuchungsobjekten auf Augenhöhe und ohne Sensationalismus möglich ist (Markel H, JAMA 2009; DOI 10.1001/jama.2009.1212).
Pressemitteilung University of Maryland Medical School (UMMC), März 2022