- Anzeige -
Fokus Naturmedizin

Infektiologie

Naturheilkundliche stärkung bei sekundären Immundefekten

Dr. phil. nat. Miriam Neuenfeldt

4.5.2025

Erkrankungen wie Krebs, HIV/AIDS oder das Post-COVID-Syndrom können zu sekundären Immundefekten führen. Betroffene sind anfälliger für häufige, lang anhaltende oder schwerwiegende Infektionen. Durch naturheilkundliche Maßnahmen kann das geschwächte Immunsystem gestärkt werden.

Der Fokus der Naturheilkunde liegt weniger auf dem pathogenen Agens als vielmehr auf dem Immunstatus des Patienten bzw. der Patientin. Die Naturheilkunde bietet zur Verbesserung der körpereigenen Abwehrmechanismen zahlreiche Reiz­therapien und direkt immunstimulierende Mittel.

Neben schwerwiegenden Erkrankungen können Faktoren wie Nikotin oder Alkohol sowie psychische Belastungen über psycho-neuro-immunologische Effekte das Immunsystem zusätzlich beeinträchtigen. Mit naturheilkundlichen Verfahren wird versucht, die gestörte Ordnung wiederherzustellen. Die sogenannte Ordnungstherapie beschreibt ein Konzept einer gesunden Lebensführung, in dem die Selbstverantwortung für die Gesundheit eine wichtige Rolle spielt. Die Ordnungstherapie umfasst den Umgang mit Ernährung, Bewegung, Spannungsregulation (Gleich­gewicht zwischen Anspannung und Entspannung), kognitiver Neuorientierung sowie Stressbewältigung und stellt eine der 5 Säulen der klassischen Naturheilkunde dar. Diese multimodal zusammengesetzte Therapieform führt zu einer Steigerung der Selbstheilungskräfte des Körpers und zu einer gesteigerten Eigenkompetenz und Eigenaktivität bei den Betroffenen [1].

Veränderung der Ernährung

Bei der Veränderung der Ernährung von Personen mit Immundefekten ist eine ausreichende Versorgung mit essenziellen Mikronährstoffen wie den Vita­minen A, C, D, E, B6, B12, Folsäure sowie Zink, Eisen, Kuper und Selen wichtig. Die stärkste Evidenz für immunmodulierende Effekte gibt es zu den Vitaminen C und D sowie zu Zink. Daher sollten insbesondere deren Spiegel bestimmt und gegebenenfalls adäquat supplementiert werden, um Infektionen vorzu­beugen [2].

Neben der gezielten Supplementierung bei festgestellten Defiziten ist eine ausgewogene Ernährung unabdingbar, um langfristig Mängel vorzubeugen. Vor allem die mediterrane Ernährung hat sich bewährt, denn diese Form der traditionell pflanzenbasierten Ernährung ist reich an Vitaminen, Spurenelementen, essenziellen Fettsäuren und wertvollen Pflanzeninhaltsstoffen, die das Immunsystem unterstützen [3]. Die pflanzenbasierte Versorgung führt zudem zu einer erhöhten Zufuhr an präbiotischen Faserstoffen, die die Gesundheit der Darmmikrobiota unterstützen [4]. Ein ausgewogenes Mikrobiom ist notwendig für gesunde Immunfunktionen. Insbesondere bei dia­gnostizierten Dysbiosen kann die Immunabwehr zusätzlich durch die gezielte Zufuhr von Probiotika unterstützt werden, wobei die Evidenz zu immunmodulierenden Probiotika ständig zunimmt. Zum Einsatz können nicht pathogene Probiotika wie ­Laktobazillen, Bifidobakterien, spezifische E. coli, ­Enterokokken, Pediokokken und Hefen wie Saccharomyces boulardii kommen [5].

Immunmodulierende Pflanzeninhaltsstoffe

Neben Probiotika wirken auch Pflanzeninhaltsstoffe wie das Curcumin aus dem Rhizom des Kurkumas immunmodulierend [6]. Vorteilhafte Effekte für das Immunsystem sind auch bei Knoblauch zu beobachten, indem die Aktivität von Makrophagen und natürlichen Killerzellen sowie die Produktion von T- und B-Zellen gesteigert wird. Klinische Studien konnten zeigen, dass Knoblauch die Anzahl, Dauer und Schwere von Infektionen der oberen Atemwege senken kann [7]. Auch Echter Schwarzkümmel (Nigella sativa) wird traditionell zur Stärkung des Immunsystems eingesetzt. Eine doppelblinde, randomisierte, kontrollierte klinische Studie mit 52 jungen, gesunden Personen zeigt, dass die optimale tägliche Dosis zur Potenzierung des Immunsystems bei 1 g liegt [8]. Bei immungeschwächten Personen sollte diese tägliche Dosis mindestens eingesetzt werden. Belegt ist zudem, dass beeinträchtigte Immunfunktionen durch pflanzliche Zubereitungen aus ­Kapland-Pelargonie (Pelargonium sidoides), Purpur-Sonnenhut (Echinacea Purpurea) und Schwarzem Holunder (Sambucus nigra) sowie durch aus Getreide, Pilzen bzw. Hefen gewonnene Beta-Glucane verbessert werden können [9].

Steigerung der körperlichen Aktivität

Auch durch körperliche Aktivität kann das Immunsystem vorteilhaft beeinflusst werden, indem die Anzahl und Zytotoxizität von Monozyten, natürlichen Killerzellen und immunmodulierenden Zytokinen steigen [10]. Vor allem mit zunehmendem Alter nimmt die Bedeutung von körperlicher Aktivität und einer ausgewogenen Ernährung zu. Wohingegen Bewegungsmangel, abnehmende Muskelmasse und Nährstoffdefizite die Immunoseneszenz und die Zunahme von alterungsbedingten Entzündungsprozessen (Inflammaging) begünstigen [11]. Generell wirkt regelmäßige körperliche Aktivität entzündungshemmend und verringert das Risiko für chronisch-metabolische und kardiorespiratorische Erkrankungen [12].

Bewährte naturheilkundliche Verfahren

Anwendungen von mineralischem Heilwasser oder Schlamm zählen zur Balneotherapie und haben sich in der Behandlung von entzündungs- und stressbedingten Erkrankungen bewährt. Die Balneotherapie beeinflusst das neuroendokrine System. Ebenso kann sowohl die humorale als auch die zellvermittelte Immunität durch Wasser- und Schlammanwendungen gestärkt werden. Dies führt zu antiinflammatorischen, analgetischen, antioxidativen und immunmodulatorischen Effekten, die auch bei Patienten und Patientinnen mit sekundären Immundefekten genutzt werden können [13,14].

Immunreaktionen können zudem durch die Ozontherapie verstärkt werden. Bei diesem naturheilkundlichen Verfahren wird durch die Reaktion mit Lipiden moderater oxidativer Stress erzeugt. Dies erhöht die endogene Produktion von Antioxidantien, die lokale Durchblutung, die Sauerstoffversorgung und in Folge die Immunantwort. Somit ist auch dieses naturheilkundliche Verfahren für Personen mit sekundären Immundefekten geeignet.

Die am häufigsten angewandte Methode ist die O3-Auto-Hämotransfusion, auch Ozon-Eigenblutbehandlung genannt. Dabei wird entnommenes Blut mit medizinischem Ozon versetzt und dem Betroffenen reinfundiert. Vorteilhaft ist, dass auf diesem Wege eine präzise O3-Konzentration pro Milliliter Blut erreicht wird [15]. Die Ozon-Eigenbluttherapie hat sich bei viral- und tumorbedingter Immunschwäche bewährt [16].

Auch die sogenannte Thymustherapie ist eine Option zur Stärkung eines geschwächten Immunsystems. Dabei werden u. a. die Vitamine A, C, D, E, Selen, Zink, Cinobufagin (Gift der asiatischen Kröte Bufo gargarizans), Polysaccharide aus Nahrungsmitteln, Thymusextrakte bzw. Injektionen mit lebenden Zellen verwendet, um die Funktion der Thymusdrüse zu stärken. Denn der Thymus spielt eine zentrale Rolle für die zelluläre Immunität, da Lymphozyten im Organ proliferieren und sich differenzieren. Es konnte gezeigt werden, dass Chemotherapien die Generierung von funktionsfähigen T-Zellen im Thymus stark beeinträchtigen und letztendlich zur Krebstherapie-bedingten Immunschwäche führen können. Daher ist bei Krebspatienten und -patientinnen die Thymustherapie ein Ansatz zur Unterstützung des Immunsystems [17].

Ein ebenfalls in der komplementären Onkologie bewährtes Verfahren zur Stärkung des Immunsystems ist die Hyperthermie. Mit dieser naturheilkundlichen Methode kann die Wirksamkeit einer Radio- oder Chemotherapie verstärkt werden. Weiterhin konnte gezeigt werden, dass durch Hyperthermie Zellen des erworbenen und angeborenen Immunsystems ­direkt oder indirekt moduliert werden können [18]. Auch Akupunktur kann zur Immunmodulation eingesetzt werden, denn es werden Selbstheilungs­mechanismen angeregt [19].

Modellversuche zu hohen Verdünnungen von Apis mellifica und Histamin an Basophilen, Lymphozyten, Granulozyten und Fibroblasten zeigen auch für homöopathische Zubereitungen antiinflammatorische und immunmodulatorische Effekte [20]. Komplementär in der Onkologie eingesetzt, können Homöopathika die Apoptose von Tumorzellen fördern und das Immunsystem von Krebspatientinnen und -patienten stärken [21]. Zur Verbesserung der Immunabwehr sollte eine konstitutionelle Behandlung mit patientenindividuell ausgewählten Homöopathika angestrebt werden [1].

Maßnahmen zur Stressbewältigung

Personen mit sekundären Immundefekten sollten Maßnahmen der Stressbewältigung und Entspannung in den Alltag integrieren, denn eine chronische Stressbelastung führt über Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse und des sympathischen Nervensystems zu einer Alteration der T-Zell- und Natural-Killer-Zell-Funktion [22]. Insbesondere für Qigong und die Achtsamkeitsschulung durch Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) liegen Nachweise für eine gute Wirksamkeit vor. Bei MBSR handelt es sich um ein ambulantes Programm mit möglichst täglicher Durchführung von meditativen Übungen zur Kultivierung einer achtsamen Haltung, die von einem verstärkten Fokus der Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment und von einer zugewandten, akzeptierenden und nicht reaktiven Gelassenheit geprägt ist [1]. Zu Verfahren der Mind-Body-Medizin gibt es die stärkste Evidenz zu positiven Effekten auf Immunglobulin A, das eine besondere Abwehrfunktion gegen Krankheitserreger ausübt. Hinsichtlich der Immunmodulation zeigen Entspannungsverfahren die stärkste Evidenz [23].

Dr. med. Birke Müller
Oberärztin, kommissarische Leitung Klinik für Naturheilkunde Klinik Blankenstein
Katholisches Klinikum Bochum

www.klinikum-bochum.de

Bei sekundär erworbenen Immundefekten, wie sie z. B. Patientinnen und Patienten nach Chemotherapien oder Long-Covid-Syndrom häufig erleiden, werden die klassischen Naturheilverfahren (Hydro-/Thermotherapie, Ordnungstherapie, Phytotherapie, Bewegungstherapie) sehr effektiv eingesetzt, um das Immunsystem zu stärken und die Selbstheilungskräfte anzuregen.

Seit über 150 Jahren bekannt und bewährt sind die hydro-/thermotherapeutischen Anwendungen. Initial werden täglich kühle Waschungen eingesetzt. Im Verlauf kann man den Reiz über Wadengüsse bis hin zum Unter- oder Ganzkörperguss nach Kneipp steigern. Wichtig ist die regelmäßige Durchführung an mindestens 3 Tagen der Woche. Ebenfalls hilfreich ist ein Begießen des Gesichts mit kaltem Wasser zur Durchblutungsanregung.

Ganz wesentlich ist zudem eine vielfältige gesunde Ernährung mit einem hohen Anteil an pflanzlichen Nahrungsbestandteilen und Kohlenhydraten auf Vollkornbasis sowie eine ausreichende Trinkmenge von ca. 2 l (Wasser oder ungesüßter Tee). Um die Durchblutung der Schleimhäute zu verbessern, sollten die Patientinnen und Patienten scharf essen, z. B. mit Chili, Ingwer, Meerrettich oder Senf. Vermieden werden sollten hingegen industriell verarbeitete Nahrungsmittel und ein hoher Fleischkonsum. Die Zufuhr von Zellgiften wie Alkohol oder Nikotin ist möglichst zu unterlassen. Bewegungstherapeutisch können regelmäßige moderate Ausdauersportarten – möglichst an der frischen Luft – helfen, das Immunsystem zu modulieren. Es sollten 30 bis 60 Minuten moderates Training bei 40 bis 60 % der maximalen Herzfrequenz erreicht werden – am besten mehrmals pro Woche. Wer häufig unter Infekten leidet, sollte sich ebenfalls um eine ausreichende Schlafzeit kümmern. Neben einer gesunden Schlafhygiene können ansteigende Fußbäder mit Lavendelöl/Meersalz-Zusatz oder Phytotherapeutika wie Lavendel, Baldrian, Hopfen oder Melisse unterstützend eingesetzt werden.

Im Zuge der Ordnungstherapie ist ein effektives Stressmanagement für ein gesundes Immunsystem unabdingbar. Daher ist das Erlernen und regel­mäßige Durchführen von Entspannungsverfahren wie Autogenem Training, Progressiver Muskelrelaxation oder MBSR (Mindfulness-Based Stress ­Reduction) neben dem Erlernen von Strategien zum Umgang mit den „daily hassels“ sinnvoll. Auf diesem Wege können klassische Naturheilverfahren erfolgreich zur Immunmodulation eingesetzt werden.

Therapiebegleitend können Personen mit sekundären Immundefekten durch ein multimodales naturheilkundliches Behandlungskonzept unterstützt werden. Primär sollte die Ernährung umgestellt werden, z. B. auf eine mediterrane Ernährung, um eine ausreichende Versorgung mit immunmodulierenden Mikronährstoffen und Pflanzeninhaltsstoffen zu ermöglichen. Zudem sollte zu mehr körperlicher Aktivität geraten werden. Deren immunmodulierende Effekte können durch Maßnahmen wie Balneo-, Ozon- und Thymus­therapie, Hyperthermie, Akupunktur, Homöopathie bzw. der Mind-Body-Medizin gesteigert werden.

Die Autorin

Dr. phil. nat. Miriam Neuenfeldt
Wissenschaftliche
Autorin & Referentin
18439 Stralsund

info@phar-med.de
www.phar-med.de

  1. Schmiedel V, Augustin M. Leitfaden Naturheilkunde – Methoden, Konzepte und praktische Anwendung. 7. Auflage, Elsevier Verlag München 2017. ISBN: 978-3-437-55143-7.
  2. Gombart AF et al., Nutrients 2020; 12: 236
  3. Itsiopoulos C et al., Curr Opin Clin Nutr Metab Care 2022; 25: 415–22
  4. Barrea L et al., Crit Rev Food Sci Nutr 2021; 61: 3066–90
  5. Mazziotta C et al., Cells 2023; 12: 184
  6. Akaberi M et al., Adv Exp Med Biol 2021; 1291: 15–39
  7. Ried K. J Nutr 2016; 146: 389S–96S
  8. Salem A et al., F1000Res 2023; 10: 1199
  9. Cingi C et al., Eur Rev Med Pharmacol Sci 2023; 27: 27–40
  10. Schmidt T et al., J Cancer Res Ther 2017; 13: 392–8
  11. Weyh C et al., Nutrients 2020; 12: 622
  12. Wang J et al., Adv Exp Med Biol 2020; 1228: 395–408
  13. Gálvez I et al., Int J Mol Sci 2018; 19: 1687
  14. Maccarone MC et al., Sport Sci Health 2021; 17: 817–35
  15. Smith NL et al., Med Gas Res 2017; 7: 212–9
  16. Bocci V, J Int Med Res 1994; 22: 131–44
  17. Khan GJ et al., Endocr Metab Immune Disord Drug Targets 2024; 24: 1587–610
  18. Frey B et al., Int J Hyperthermia 2012; 28: 528–42
  19. Wang M et al., Front Immunol 2023; 14: 1147718
  20. Bellavite P et al., Evid Based Complement Alternat Med 2006; 3: 13–24
  21. Tangelloju A et al., Curr Drug Targets 2022; 23: 1252–60
  22. Alotiby A., J Clin Med 2024; 13: 6394
  23. Wahbeh H et al., Open Complement Med J 2009; 1: 25–34

Bildnachweis: privat

Lesen Sie mehr und loggen Sie sich jetzt mit Ihrem DocCheck-Daten ein.
Der weitere Inhalt ist Fachkreisen vorbehalten. Bitte authentifizieren Sie sich mittels DocCheck.
- Anzeige -

Das könnte Sie auch interessieren

123-nicht-eingeloggt