Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) haben Schwierigkeiten, das Verhalten anderer zu interpretieren, wobei die Gründe hierfür noch unklar sind. Unter Beteiligung von Wissenschaftlern des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) wurde nun mit Bewegungstracking, Psychophysik und computergestützten Analysen untersucht, wie Menschen mit und ohne ASS Verhalten anderer Menschen deuten.
Die Ausgangsfrage der Forscher war, ob die Schwierigkeiten von Menschen mit ASS, das Verhalten anderer zu interpretieren, eher aus einem generellen Interpretationsdefizit resultieren oder eher damit begründet sind, dass sich Bewegungen von Menschen mit und ohne ASS grundsätzlich stark unterscheiden. Das zusammengefasste Ergebnis der Untersuchung ist, dass beide Aspekte eine Rolle spielen. Die Professoren Dr. Cristina Becchio und Dr. Stefano Panzeri aus Hamburg stellen dazu fest: „Das Verstehen von Informationen über Handlungen bildet die Grundlage für soziale Wahrnehmung, Kommunikation und Lernen. Wir gehen davon aus, dass unser Ansatz für die Untersuchung anderer Prozesse des mind-readings, wie zum Beispiel soziale Entscheidungsfindung, und für die Entwicklung neuer Instrumente und Interventionen zur Verbesserung des Lesens von Informationen bei anderen Menschen nützlich sein wird, die in der Kinematik von Bewegungen kodiert sind.“ Die Wissenschaftler hoffen, mit einer Erweiterung ihres Forschungsansatzes ‒ von der bislang passiv-beobachtenden Probandenhaltung zu einer dann aktiven Probandenbeteiligung an sozialen Interaktionen ‒ neue Erkenntnisse gewinnen zu können, die über eine spezielle Schulung die häufigen Autismus-Probleme mit der Verhaltensinterpretation adressieren.
Pressemitteilung Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Januar 2022
Montobbio N et al., Proc Natl Acad Sci U S A 2022 Feb 1; 119(5): e2114648119, DOI 10.1073/pnas.2114648119, PMID 35101921